Manchmal ist es schon merkwürdig, wie lange man um ein Buch, eine CD oder einen Menschen kreist ohne zu erkennen, dass er/sie/es das Richtige für einen ist.
Ähnlich war es bei mir und Sasa Stanisic' großartigem Buch Wie der Soldat das Grammofon repariert.
und ich kreiste wirklich lange
Als ich ca. 14 war, hat man von einem großen deutschen Versandhaus zu jeder Lieferung eine Zeitschrift geschenkt bekommen, das Micky Maus Magazin, die Wendy oder wie in meinem Fall das U.Mag.
Tief beeindruckt war ich von der Themenfindung der Redaktion, der Masse an Kolumnen und vor allem von dem Autor mit dem komischen Namen. Meine Begeisterung für seine Kolumne "Immerhin haben wir uns gewehrt" kannte keine Grenzen, als ich herausfand, dass er sogar einen Roman veröffentlicht hatte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Bis ich die Inhaltsangabe las.
Ein Buch mit dem Titel "Soldat" und einem Klappentext der vor Krieg und Migration strotzt, kann selbst eine sehr begeisterte Jugendliche nicht zum Lesen bewegen. Kurzgesagt, ich kündigte Sasa die Leserfreundschaft.
Nicht ohne ab und an an ihn zu denken. Mit jedem Jahr, das einherging driftete ich immer tiefer in den Literaturzirkus ab, durch Zufall. Irgendwann hatte ich jedes Kehlmann Buch zehnmal gelesen und war ein bisschen orientierungslos. "Was jetzt ?" "Da war doch dieses Kriegsbuch!"" Schwachsinn! niemals."
In der Bibliothek. Blauer Einband. Taschenbuch. Ein Griff. Ironie des Lebens. Ein Soldat, ein Grammofon. Jetzt musst du es auch lesen.
Die ersten Seiten waren furchtbar. Ich weine wirklich selten, nie im Kino, nie beim Fernsehen und erst recht nicht beim Lesen. Eigentlich.
Doch wer A sagt muss auch B sagen. Weiterlesen !
und irgendwann war es nicht mehr traurig, sondern unglaublich lustig, spannend, amüsierend.
Ich habe dieses Buch nicht gelesen, ich habe es verschlungen.
In der Schule, zu Hause, selbst beim Joggen, da hörte ich das Hörbuch.
Manche Seiten las ich zehnmal, zwanzigmal.
Stanisic schreibt über einen Krieg ohne wirklich von einem Krieg zu erzählen, es ist ein Familiendrama, ein Kindheitsdrama und doch ein Kriegsroman. Wie es ist, wenn wer heute Freund morgen Feind sein wird, man alles verliert, was einem vertraut ist. Stanisic und sein Romanheld Aleksandar wissen es.
Stanisic, in Visegrad geboren, wuchs zu Zeiten des Bosnienkrieges auf, emigrierte mit seiner Familie nach Deutschland, sprach kein Wort Deutsch und wurde mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet,
Aleksandar, in Visegrad geboren, wuchs zu Zeiten des Bosnienkrieges auf, emigrierte mit seiner Familie nach Deutschland, sprach kein Wort Deutsch und verzweifelt an seiner Geschichte.
Das erste Erlebnis, das Aleksandar mir mitteilte, war der Verlust seines Opas. Das so ziemlich schlimmste was einem kleinen Jungen zustoßen kann, wie er und der Leser glauben.
Doch der Tod des Opas scheint nur der Startschuss zu sein, für den aberwitzigen Zusammenbruch des Lebens, das er kannte.
Den mit Opa Slavkos Tod stirbt auch der Staat, den er aufbaute. Der Krieg beginnt.
Früher noch Freund, heute Feind. Aleksandar versteht nicht, was passiert, wieso sie nicht mehr mit den Nachbarn reden, wo die ganzen Soldaten herkommen und geht erstmal zur Schule, die vollkommen zertrümmert ist.
Bald wird klar, dass die Familie fliehen muss. Aleksandar und dem Leser hängen noch die Erinnerungen nach, an die Sommertage bei den Ur-Großeltern, wo Religion und Nationalität egal, jeder Fremde ein Freund war. Die Familie emigriert nach Deutschland, zum Onkel, der dort als Gastarbeiter lebt.
Aleksander muss sich einleben. Er hat keine Wahl, wo soll er auch hin.
Er beginnt Listen zu machen, Geschichten aufzuschreiben in ein Buch, das ihm seine Oma, die in Visegrad geblieben ist, geschenkt hat. Ein Leben in Geschichten, als alles noch gut war.
Irgendwann kehrt Aleksander heim, nach Visegrad, ruft tausende Nummern in Sarajevo an, um Die zu finden, die mit ihm im Keller die Gefechte abgewartet hat, die das gleiche sah wie er, das gleiche fühlte wie er.
Doch auch Visegrad ist keine Heimat mehr, die Oma nicht mehr Oma, die Großeltern nicht mehr die Großeltern. Ich bin hier.
An dieser Stelle ließe sich noch viel sagen : über die Sprache, die naiv und distanziert ist und sich zeitgleich durch eine Überlegenheit auszeichnet. Über den Aufbau des Buches, das Buch im Buch, die geschichtliche Tragweite des Buches und den in meinen Augen ausgezeichneten Stil des Autor's, da muss ich meinem 14-Jährigen-Ich zustimmen. Aber am Ende, ist DAS doch nicht das, was uns berührt.
Für mich war das Buch mehr als nur ein Roman über einen Jungen, dessen Leben durch den Krieg gekennzeichnet ist. Mehr als ein Symbol für die entwurzelten Kinder des Bosnienkrieges.
Es ist ein Buch über Veränderungen, Verluste; darüber, sich seinen eigenen kleinen Raum zu schaffen, verzweifeln zu dürfen und doch nie aufzugeben.
Es ist mein Wegweiser, hat eine Begeisterung in mir geweckt, mir gezeigt, wer ich bin und was ich sein werde.
Meine kleine Inhaltsangabe wird dem Werk sicherlich nicht gerecht. Man muss es einfach selber lesen, um es in seiner Tiefe und Vielschichtigkeit zu verstehen.
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